Ein Aschenbecher, ein paar Schaufeln Humus – viel ist es nicht, was am Ende übrigbleibt, falls ich nicht  mehr aufwache.  Die ewigen Sekunden, bevor der Gott in Weiß im OP  die letzte Spritze setzt und mein Gehirn für 2 Stunden in Tiefschlaf versetzt, sind wie die Vorwegnahme der letzten Dinge.

Die Aufnahme ins Krankenhaus zeigt am klarsten, was (un)wichtig ist im Sterben und damit auch im Leben. Wie auch immer im individuellen Fall: Grundsätzlich-existenziell gesehen sind neunzig Prozent – wenn nicht noch mehr – unseres menschlichen Lebens „Eitelkeit und leerer Wahn“, wie es die Dichter barocker Kirchenlieder mit ihren Worten als zeitlose Diagnose der Menschheit ausgedrückt haben.

Nichts bleibt. Nichts als 0,1 Gramm: Meinem wohlinformierten Bettnachbarn zufolge ist dies das durchschnittliche Gewicht einer menschlichen Seele, wie kalifornische Wissenschaftler mit Experimenten an Sterbenden herausgefunden haben. Nicht ganz ernstzunehmen, aber nachdenkenswert.

0,1 Gramm für die Ewigkeit – verglichen mit den 84 Kilo Lebendgewicht in meinem Fall verdammt wenig auf den ersten Blick. Mag sein, das ist so wie ein Chip in einer Maschine, ein paar Gramm Künstliche Intelligenz in meinem Laptop sind auch mehr als die 1,6 Kilo Blech und Kunststoff;  mit dem Unterschied, dass der Chip irgendwann auch hops geht, sogar schneller als manche Teile der Hardware. Wie dem auch sei. Nach Jesus geht es im Leben und Sterben nicht um Quantität, sondern um Qualität. Das meint er ja wohl mit dem Gleichnis von dem Kaufmann, der sein ganzes Kapital flüssig machte, nur um eine einzige winzige Perle zu ersteigern.

0,1 Gramm (mehr oder weniger): Diesen meinen Ewigkeitsspeicher sollte ich versuchen – wenn ich nach geglückter OP wieder aufwache, wovon ich ausgehe, Gott sei Dank! -, mit möglichst kostbaren Daten meines Lebens zu füttern, als Gnade einer neuen Geburt. Nicht mit Egoismus, Ignoranz, Engstirnigkeit und Feigheit, sondern mit dem was wirklich bleibt: dem Bild des flammenden Herbstlaubs, der funkelnden Tautropfen im silbernen Spinnennetz, dem Gesicht des geliebten Menschen, des Erschauerns vor eigener Schuld und des Vergebens anderer, dem Glück des Schenkens und Beschenktwerdens.

Viel ist es nicht, was bleibt – aber was bleibt, ist das Entscheidende. „Die Liebe ist stärker als der Tod“, flüstert in der hebräischen Bibel die erleuchtete Stimme denen, die es hören wollen, ihre Erkenntnis zu, nachdem sie das Geheimnis erfüllten Lebens ans Licht gebracht hat (Hoheslied 8,6). Oder mit den Worten des Apostels Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe – aber die Liebe ist die Größte unter ihnen“ (1. Kor. 13, 13).

Andreas Brügmann

Andreas Brügmann

Pfarrer in der St. Simeoniskirchengemeinde

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