Alle zwei Jahre bittet die Stiftung „Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu Minden“ Stiftungsmitglieder, Freunde und Förderer zum Martinsgansessen. Damit knüpft die Stiftung an eine Urkunde von Kaiser Konrad II. aus dem Jahr 1033 an. Dort verfügte der Kaiser, dass der Bischof von Minden und die Kanoniker des Domstifts St. Petri sich regelmäßig am Martinstag zu einem Festmahl zu treffen hätten, „damit auf diese Weise Eintracht und Freundschaft gestärkt werde“.
Diese Neuauflage des Martinsgansessens gibt es seit 2009. Am vergangenen Freitag fand das Essen also zum sechsten Mal statt. Insgesamt rund 80 Gäste aus Kirche, Bürgerschaft und Wirtschaft waren der Einladung in den Ständersaal des Preußen-Museums gefolgt.
Dort informierte Pfarrer Christoph Ruffer als Vorsitzender der Stiftung und Gastgeber zunächst über den aktuellen Stand der Sanierung. Mittlerweile ist die Außensanierung der Kirche komplett abgeschlossen. Nun sei das Innere von Mindens Ratskirche an der Reihe, erläuterte Ruffer. Dringend müsse die historische Orgel gründlich gereinigt werden – was aber keinen Sinn hätte, bevor die gesamte Elektrik erneuert und ein kompletter frischer Innenanstrich gemacht worden sei. Auch weiterhin wird St. Martini also viel Geld für die Instandhaltung benötigen und auf die Unterstützung durch Stifterinnen und Stifter, Spenderinnen und Spender sowie staatliche Zuwendungen angewiesen sein. „Meine große Hoffnung ist es, dass bis zum 1000. Geburtstag der Kirche im Jahr 2029 auch die Innensanierung abgeschlossen ist“, erklärte Ruffer.
Zum „Format“ Martinsgansessen gehört, dass es neben kulinarischen auch musikalische Leckerbissen und einen Vortrag von einem namhaften Referenten gibt.
Für die musikalische Gestaltung des Abends sorgte das Ensemble „Concerto Ludovico“ unter der Leitung von Andreas Neuhaus.
Einen Vortrag zum Thema „Martinus – Christsein mit Leidenschaft“ hielt Pfarrer i. R. Dr. Heinrich Winter, der Vorgänger Ruffers an St. Martini. Unter dem Titel „Martinus – die Reise zum Kaiser“ hat Winter unlängst einen historischen Roman über den Heiligen Martin veröffentlicht. In seinem Vortrag im Ständersaal schilderte er den Namensgeber der Mindener St.-Martini-Kirche als einen aufrechten und frommen Mann, der als Bischof Martinus von Tours so ganz anders war als sein Vorgänger. Kaum auf öffentliche Wirkung bedacht lebte er zurückgezogen am Nordufer der Loire statt im Bischofspalast, kleidete sich bescheiden und setzte sich immer wieder für Menschen ein, die zu Unrecht in Haft genommen worden waren. Die Legende, dass Martinus schon als junger Soldat bei eisiger Kälte seinen Mantel mit einem Bettler teilte, passt ausgezeichnet zu dem wenigen Wissen über diesen Mann, das heute, rund 1650 Jahre später, als historisch gesichert gelten kann.
Dass die Martinsgans im Leben des Heiligen Martin eine Rolle gespielt hätte, ist jedenfalls alles andere als sicher. Diese Idee stamme aus einer Sekundär-Legende, die erst im 16. Jahrhundert entstanden sei, erläuterte Winter. Demnach werden zum Martinstag Gänse zur Strafe dafür geschlachtet, dass sie am Tag der Bischofswahl Martin, der eigentlich nicht gewählt werden wollte und sich deshalb im Gänsestall versteckt hatte, durch ihr Geschnatter verraten haben. Dass Gänse also weit mehr als 1000 Jahre lang gar nicht mit dem Heiligen Martin in Verbindung gebracht wurden, störte die Gäste beim diesjährigen Martinsgansessen nicht im Geringsten: Ihnen mundete die Gans auch so vorzüglich.

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