Neulich am Strand: Unzählige Muscheln liegen im Sand, an einer bleibt mein Blick haften. Ich hebe sie auf, betaste die Rillen und bewundere die Farbgestalt. Ich denke mir: Sie ist wirklich ein Schmuckstück des Meeres, ein Wunderwerk der Schöpfung.

Eigentlich ist das wie bei den Menschen: Da gleicht auch keiner dem anderen, jede und jeder ist ein Wunderwerk der Schöpfung.

Die Muschel hat an einer Stelle eine abgeschlagen Kante. Auch das kenne ich von uns Menschen: Eine Wunde, die nur schwer verheilt, eine Narbe, die ein Leben zeichnet.

Ich muss an die Perle denken, die in manchen Muscheln wächst:

Sie entsteht, wenn ein Sandkorn oder ein Parasit in das Innere einer Muschel gerät. Für manche Muschel kann das ganz verletzend und gefährlich werden. Die Muschel versucht, die Gefahr einzuwickeln. Dadurch führt das, was so furchtbar erschien, letztlich dazu, dass die Muschel im Besitz einer wunderschönen, schimmernden Perle ist.

Das passt auch zu uns Menschen: Unser Leben führt nicht nur durch Sonnenschein, selbst dann nicht, wenn Menschen auf Gottes Liebe vertrauen. Nein, auch dann bleiben einem schwere Erfahrungen nicht erspart, solche, wo nichts von der Liebe spürbar ist und auch Gebete scheinbar nichts verändern.

Die Bibel selbst berichtet davon, dass Menschen darüber in tiefe Verzweiflung gerieten.

Aber sie berichtet auch davon, dass Menschen in solchen Situationen an Gott festgehalten haben und sie manch schwere Zeiten mit Hilfe ihres Glaubens und mit Hilfe anderer Menschen überstehen konnten.

Und manchmal sagen Menschen, dass solche Erfahrungen sie doch auch reicher gemacht haben, z.B. weil sie gelernt haben, was wirklich wichtig ist im Leben. Und weil ihr Vertrauen auf Gott daran gewachsen ist. Auch wenn das Schwere nicht vergessen wird, kann letztendlich eine Perle des Lebens, eine Perle des Glaubens, daraus werden.

 

Eine Weile halte ich meine Muschel noch in der Hand und schaue sie an. Dann gehe ich weiter. Aber ich werfe die Muschel nicht zurück in den Sand – dazu ist sie mir zu wertvoll geworden.

Wenn das doch bei uns Menschen auch so wäre, dass andere Menschen uns viel zu kostbar und wertvoll wären, um achtlos an ihnen vorüber zu gehen, sie wohlmöglich „wegzuwerfen“ oder gar „auf ihnen herumzutreten“!

 

Meine Muschel hat nun einen Ehrenplatz bekommen auf meiner Fensterbank – als ein Schmuckstück des Meeres und als ein gutes Bild für unser Leben.

 

 

 

 

Horst Fißmer

Horst Fißmer

Pfarrer in der Kirchengemeinde St. Marien/Christuskirche

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