Unter dem Motto: „Was für ein schöner Morgen!“, das einem Morgengebet der Eziden (Jeziden) entnommen ist, feierten gut 140 Menschen einen fröhlichen Open Air Gottesdienst auf dem Kirchplatz von St. Marien. Gemeinsam dazu eingeladen hatten die Mindener Innenstadtkirchen am Himmelfahrtstag. Ein Grußwort sprach Ismet Sahin vom Vorstand der Gesellschaft Ezidischer Akademikerinnen und Akademiker (GEA). Außerdem verlas er das Morgengebet der ezidischen Glaubensgemeinschaft sowohl auf Kurdisch als auch in deutscher Übersetzung.
Wie Superintendent Jürgen Tiemann in seiner Einführung erläuterte, sind Christen und Eziden im Nahen und Mittleren Osten als religiöse Minderheiten in besonderer Weise miteinander verbunden – im Leiden. So haben Eziden – über deren faszinierende und weithin unbekannte Kultur und Religion eine von der Westfälischen Kirche geförderte Wanderausstellung der Evangelischen Erwachsenenbildung in der Mindener St.-Simeonis-Kirche lief – während des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich während des 1. Weltkriegs (1915/1916) Tausende von armenischen Christen gerettet, und auch Eziden selbst wurden von den damaligen Vernichtungsaktionen betroffen. Dies sei wichtig zu wissen in unserer Zeit, denn seit dem Genozid an den Eziden – verübt durch den IS 2014/2015 im Nordirak – leben viele Menschen unter uns, die selber oder in Gestalt ihrer Angehörigen Zeugen und Opfer schlimmster Verbrechen geworden sind.
Zusammenhalten, Solidarität, Zuversicht: Pastor Andreas Brügmann machte in seiner Predigt deutlich, was Christinnen und Christen in Deutschland heute von den Ezidinnen und Eziden lernen können, die trotz alles Erlittenen den Blick nach vorn richten und aus ihrem über Jahrhunderte überlieferten Glauben Kraft zur Erneuerung beziehen. In der Krise den Glauben an das Gute und die Hoffnung auf menschliche Zukunft nicht zu verlieren und trotz allem mutig „Pflänzchen der Hoffnung“ für ein solidarisches Miteinander zu setzen – dies verbindet die beiden Glaubensgemeinschaften miteinander. Pflanzen sind im ezidischen Glauben heilig, nach christlichem und jüdischen Glauben sind sie Gottes kostbare Geschöpfe. Darum wurden am Ende des Gottesdienstes an alle Teilnehmenden Samen-Tütchen verteilt, mit denen „Blumen für das Leben“ gesät werden können.
Gottesdienstliche Großveranstaltungen können trotz – oder gerade bei – sorgfältiger Beachtung der Corona-Schutzmaßnahmen in fröhlicher und feierlicher Atmosphäre verlaufen, das hat dieser Open Air Gottesdienst deutlich gemacht, zu dessen Gelingen das Pfarrteam der Innenstadt, der Evangelische Bläserkreis unter Leitung von Lothar Euen und Marien-Kantorin Anna Somogyi, die stellvertretend für die Gemeinde die Lieder solistisch vortrug, und nicht zuletzt die schöne Sonne – ein Symbol für Gott bei Christen wie Eziden – beigetragen haben.

(Text von Pfarrer Andreas Brügmann, Bild von Alfred Loschen / Offene Kirche St. Simeonis)

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