„Jesus Christus spricht: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“

„Das Leben ist kein Wunschkonzert“, sagte meine Mutter immer, wenn ich als Kind schmollte, weil ich nicht meinen Willen hatte durchsetzen können. Am Sonntag wird das Europäische Parlament neu gewählt. Viele unterschiedliche Wahlversprechen haben wir gehört, und viele verschiedene Wünsche knüpfen sich an die Wahl. Entsprechend groß wird die Enttäuschung hinterher sein. Grund zum Schmollen?

Das Leben ist also hart, und oft werden unsere Wünsche nicht erfüllt. Oder doch? „Bittet, so wird euch gegeben.“, meint Jesus. Wie naiv. Vielleicht steckt aber auch eine tiefere Weisheit dahinter. Bestimmt heißt das nicht, dass Gott ein Automat ist, er unsere Wünsche erfüllt. Im Gegenteil. Sechsmal fordert Jesus uns auf, fast beschwörend: „Bittet, suchet, klopfet an.“ Und immer neu beteuert er: Es lohnt sich: „der empfängt, … der findet, … dem wird aufgetan.“ Ich lese das wie einen Aufruf gegen den ersten Augenschein, nicht die Hoffnung aufzugeben, auch wenn Gottes Antwort lange auf sich warten lässt. Das Leben ist eben kompliziert und es gibt keine einfachen Lösungen. Gerade in der Politik. Und wer lange betet und auf die Zeichen achtet, die Gott uns in unserem Leben auf oft ganz unscheinbare Weise gibt, der erfährt ein Wunder: er ändert sich selbst, er betet am Ende anders, als er begonnen hatte. Und dann stellt er fest, dass Gott auf noch einmal ganz andere Weise unsere Bitten erhört hat.

Europa wählt, auch wir Christen. Was für ein Kontinent wird Europa werden? Ein Kontinent, bei dem Menschen in Not auf der Flucht „bitten und anklopfen“ können, oder einer, der seine Schotten dichtmacht? Bleibt Europa ein Kontinent der freien Rede und des Austausches, weil wir uns gegenseitig Verständnis „geben und Türen auftun“. Oder werden wir uns verhärten und unsere Herzen, Ohren und Türen verschließen? Gebe Gott, dass wir alle untereinander die Geduld bekommen, die er mit uns hat. Erfülle doch Gott an uns nicht alle unsere Wünsche, jedoch alle seine Verheißungen. Lege doch Gott auf diese Wahl seinen Segen.

 

 

Dr. Manuel Schilling

Dr. Manuel Schilling

Pfarrer, St. Marien-Kirchengemeinde Minden, Bezirk ASH

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